• White Facebook Icon
  • White Twitter Icon
  • Yester & Morrow

Legal in Structure, Work-Life in Motion?

Aktualisiert: 5. Aug 2019

von Malte Mehrgardt, Associate bei Yester & Morrow


Die Digitalisierung der Unternehmenswelt, und seit einigen Jahren auch der Rechtsberatung, lässt die Grenzen von Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen. Wenn nach Feierabend noch berufliche Mails gelesen und beantwortet, ein kurzes Memo verfasst oder aber auch während der Arbeitszeit private Telefonate geführt werden, dann hat dies mit einer klaren Grenzziehung zwischen Beruflichem und Privatem, also einer differenzierten Work-Life-Balance, nur noch wenig zu tun. Im HR-Bereich wurde daher in der nahen Vergangenheit verstärkt (wenngleich nicht kritiklos belassen) das Konzept des Work-Life-Blending, bzw. der Work-Life-Integration in den Fokus gerückt. Mit diesem Konzept, Möglichkeiten in der Umsetzung und seinen Schattenseiten beschäftigt sich der nachfolgende Beitrag.

Idee und Umsetzung

Die zugrundeliegende Idee ist es, eine klare Demarkation nicht mehr zum Ziel zu erklären, sondern Mitarbeitern die Freiheit zu geben, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließend aufzulösen, diese miteinander in Einklang zu bringen, den Beruf in das Leben zu integrieren. Das kann darin bestehen, dass der Dienstlaptop eine Reise mit antritt, für die ansonsten nicht mehr genügend Urlaubstage bestanden hätten, oder dass auch zwischen 8 und 18 Uhr, im üblichen Büroalltag eher schwer zu realisieren, die Kinder von der Schule oder Kita abgeholt bzw. zum Sport o.ä. gebracht werden können. 


Schaut man sich hingegen den Alltag in klassischen Kanzleien an, so scheint dieser Gedanke in der Breite der Beratungsbranche noch nicht so recht angekommen zu sein. Hier läuft ein Mitarbeiter bereits Gefahr, negative Resonanz zu erhalten, wenn er das Büro abends zu oft vor den anderen Kollegen verlässt. Es entsteht sozialer Druck und allseitige Unzufriedenheit. Eine gute Work-Life-Balance scheint vor diesem Hintergrund schwer erreichbar, eine Integration hingegen ist beinahe undenkbar. 


Die Lösung: Einen Schritt weiter zu gehen, das starre Erfordernis einer bestimmten Präsenzzeit im Büro aufbrechen und das dezentrale, mobile Office zur Norm machen. Baut man eine Unternehmensorganisation nach diesem Grundsatz auf, bietet man den Mitarbeitern nicht nur die Möglichkeit, Freizeit, Familie und Beruf in einen integrierten Einklang zu bringen, man löst auch die Notwendigkeit eines zentralen Standortes auf. Die Riege der potenziellen Mitarbeiter beschränkt sich nicht mehr auf z.B. Personen im Großraum Frankfurt oder solche mit der Bereitschaft, in den betreffenden Großraum zuzuziehen. Vielmehr lassen sich gezielt Fachkräfte aus allen Ecken der Republik einbinden – die Digitalisierung macht es möglich. Gerade in hochspezialisierten Branchen ermöglicht dieser Ansatz es, Spezialisten zu beschäftigen, für die ein Umzug in die Region des Arbeitgebers nicht infrage käme.


Organisatorische Risiken


Natürlich geht ein solcher Schritt mit gewissen Risiken einher. Der Arbeitgeber verliert die unmittelbare Kontrolle darüber, wie viel Zeit die Mitarbeiter tatsächlich vor Ihren Bildschirmen verbringen. Zudem läuft man Gefahr, gerade solche Mitarbeiter zu verlieren, die einen regen persönlichen Austausch mit ihren Kollegen zum eigenen Wohlbefinden brauchen.

Ersteres bedarf einer klaren Definition von Verantwortungsbereichen. Mitarbeiter müssen hierfür mehr sein als ein Rädchen im Getriebe, sie müssen zu Prozesseigentümern werden und eine intrinsische Verantwortung für ihren Aufgabenbereich entwickeln. 


Der zweite Aspekt ließe sich ausgleichen, indem man für die Mitarbeiter Möglichkeiten schafft, in einem sozialen Kontext eingebunden arbeiten zu können, etwa durch das Bereitstellen von (dem Standesrecht entsprechenden) Büros in Co-Working Spaces. Der persönliche Kontakt zwischen den Mitarbeitern bleibt dennoch essenziell für die persönliche Motivation und damit auch den Unternehmenserfolg. Regelmäßige Jour Fixes in großer Runde, das gemeinsame, intensive Arbeiten für einige Tage am selben Ort und konsequente Nutzung von Videotelefonie stellen wesentliche Instrumente dar, um den Mitarbeitern einerseits den Freiraum zu geben, den diese brauchen, um den Beruf in ihr Leben zu integrieren, gleichzeitig aber zu verhindern, dass Mitarbeiter sich in diesem Freiraum verlieren. Auch hier gilt unser Credo: Klare Strukturen schaffen Freiheit!


Persönliche Risiken


Natürlich ist das Konzept der Work-Life-Integration auch mit einem gesunden Maß an Skepsis zu betrachten. Mitunter wird das Risiko gesehen, eine Integration führe dazu, dass sich das Work-Life integrierte Leben verstärkt an den betrieblichen Belangen ausrichtet und störungsfreie Freizeit unter ständiger Rufbereitschaft leidet. Eine konsequente Ausgestaltung dieses Konzeptes erfordert es jedoch unseres Erachtens, dass eben nicht mehr binär gedacht wird, sondern dass bei der Priorisierung von Aufgaben sowohl berufliche, wie auch private Belange einbezogen werden.


Wenn dabei private Belange höher gewichtet werden als berufliche, dann ist dies eine Entscheidung, zu der die Mitarbeiter die Kompetenz haben müssen und auf welche der Arbeitgeber zu vertrauen hat. Ist der Arbeitnehmer in Hinblick auf seine Aufgaben Prozesseigentümer, wird eine angemessene Gewichtung erfolgen. Ganz ohne Regeln wird sich dies jedoch auch nicht umsetzen lassen; insbesondere eine klare Kommunikation im Team dürfte elementar sein, um reibungslose Arbeitsprozesse und ein teamübergreifendes Time-Management zu gewährleisten. Auch hier führen klare Strukturen zu mehr Freiheit.


Fazit


Sicherlich ist die Work-Life-Integration nicht der Weisheit letzter Schluss und mitnichten ist sie alternativlos. Gerade in Branchen, wo jedoch eine ausgewogene Balance zwischen getrenntem Berufs- und Privatleben typischerweise an der Realität zu langer Arbeitstage scheitert (und wo dies auch in allseitigem Einverständnis – etwa in Hinblick auf attraktive Boni zum Jahresende – hingenommen wird), stellt dieser Ansatz bei konsequenter Umsetzung (wie oben beschrieben) einen reellen Mehrwert gegenüber dem Status-Quo dar.

In unserem nächsten Beitrag beleuchten wir, wie dezentralisiertes Arbeiten die Kommunikation innerhalb eines Unternehmens fördern kann – wenn der Partner nur noch einen Mausklick entfernt ist.

0 Ansichten

© 2019 Yester & Morrow